Individualprophylaxe – mehr als nur professionelle Zahnreinigung


Dienstag, 30.04.2019

Die Individualprophylaxe und die unterstützende Parodontaltherapie gewinnen in der Zahnarztpraxis einen immer höheren Stellenwert, der weit über das regelmäßige professionelle Reinigen der Zähne hinausgeht. Sie sind nicht nur in der Karies- und Parodontitisprävention hilfreich, sondern zudem Kernbestandteil der eigentlichen kausalen und somit kurativen Therapie der beiden Erkrankungen.

Wie in keinem anderen Teilgebiet der Medizin konnte in der Zahnmedizin der gesundheitliche Nutzen präventiver Maßnahmen nachgewiesen werden: In weiten Teilen der Bevölkerung sind Karies und Parodontitis zurückgegangen (1) und der Trend zu einem lebenslangen Erhalt der eigenen Zähne verstärkt sich.

Wesentliche Eckpfeiler der Prävention sind zum einen populationsbasierte Maßnahmen wie die Trinkwasser- und Salzfluoridierung sowie gruppenprophylaktische Maßnahmen, beispielsweise das überwachte Zähneputzen in Kindertagesstätten. Zum anderen setzt Prävention auf die Individualprophylaxe in der Zahnarztpraxis – sie ist inzwischen fester Bestandteil der zahnärztlichen Tätigkeit. Allerdings wird sie oft auf die professionelle Zahnreinigung (PZR) reduziert und insofern nicht selten eher als kosmetische Maßnahme wahrgenommen. Der Nutzen dieser von vielen Patienten privat zu zahlenden Intervention wird daher regelmäßig in Frage gestellt. In der Tat ist ein direkter Nutzen derartiger Maßnahmen gerade für gesunde Patienten wissenschaftlich nicht ganz einfach nachzuweisen, weil viele Faktoren Karies und Parodontitis beeinflussen.

Die Individualprophylaxe ist jedoch bedeutend mehr, als „nur“ eine professionelle Reinigung der Zähne. Im Kern geht es um die individualisierte Beratung und Begleitung des Patienten. Veränderungen seiner Lebens- und Mundhygienegewohnheiten sollen das Karies- wie auch das Parodontitisrisko nachhaltig senken. Die Individualprophylaxe bei der Karies und die unterstützende Parodontaltherapie (UTP) sind nicht „nur“ Prävention im engeren Sinne, sondern auch die eigentliche kausale Therapie der beiden Erkrankungen. Im Gegensatz dazu therapieren restaurative oder parodontalchirurgische Maßnahmen eher Symptome. Doch nur, wenn der Patient die kausalen Faktoren nachhaltig beeinflusst, lässt sich das erneute Auftreten von kariösen Läsionen und parodontalen Taschen verhindern (3). Somit sollte die individualisierte Prävention nicht als Wellness abgetan werden, sondern die eigentliche Kernaufgabe des zahnärztlichen Handelns sein.

Ein wesentlicher Aspekt der Individualprophylaxe ist – wie der Name es schon sagt – die Individualisierung. Pauschalisierte Recall-Intervalle und Putzanleitungen werden der Idee einer individuell angepassten Prävention und Therapie nicht gerecht. Zur Evaluation des individuellen Risikos, in Zukunft neue Kariesläsionen und parodontalen Attachmentverlust zu entwickeln, eignen sich entsprechende Karies- und Parodontitis-Risikotests (2, 4). So kann der individuelle Behandlungsbedarf abgeschätzt und es können Recall-Intervalle definiert werden.

Darüber hinaus geben entsprechende Tests wertvolle Hinweise auf die individuell relevanten Risikofaktoren. So ist oft die Mundhygiene zwar ein wesentlicher, aber bei Weitem nicht der einzige krankheitsbestimmende Faktor. Auch Ernährungsgewohnheiten, Allgemeinerkrankungen, Fluoridierungsmaßnahmen, Rauchen oder der Speichelfluss spielen bei Karies und Parodontitis eine kausale Rolle. Daher sollten die Patienten dabei unterstützt werden, ihre Lebens- und Mundhygienegewohnheiten und dadurch ihre Gesundheit positiv zu beeinflussen. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit des gesamten Praxisteams notwendig, da oft die Prophylaxeassistentin oder Dentalhygienikerin die professionelle Zahnreinigung, die Prophylaxesitzung und die UPT übernehmen.

Prof. Sebastian Paris, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Literatur

  1. Jordan R and Micheelis W, Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie: Institut der Deutschen Zahnärzte, 2016
  2. Lyle DM, Risk assessment a key to periodontal health promotion and disease prevention. Compend Contin Educ Dent 2014; 35(6): 392-396;quiz 397.
  3. Paris S, Ekstrand KR, and Meyer-Lückel H, Von der Diagnostik zur Therapie, in Karies - Wissenschaft und klinische Praxis, H. Meyer-Lückel, S. Paris, and K.R. Ekstrand, (Hrsg). Stuttgart: Thieme.2012: 146-159.
  4. Tellez M, Gomez J, Pretty I, et al., Evidence on existing caries risk assessment systems: are they predictive of future caries? Community Dent Oral Epidemiol 2012.