Rückenwind für die Kariesprävention im Kleinkindalter


Mittwoch, 05.06.2019

Die vielen Ansätze der Kariesprävention im bleibenden Gebiss bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland und auch in anderen Ländern zeigen Wirkung: Die Kariesprävalenz und die mittlere Karieserfahrung sind deutlich zurückgegangen. Im Milchgebiss bleibt die Kariesprävention jedoch unverändert eine große Herausforderung. Eine Reihe neuer Maßnahmen könnte dabei unterstützen, auch die Situation im Milchgebiss zu verbessern.

Fast die Hälfte der sechs- bis siebenjährigen Kinder leidet an Milchzahnkaries. Nur die knappe Hälfte der bei diesen Kindern betroffenen Zähne ist durch Füllungen saniert (1). Unter den dreijährigen Kindern hat jedes siebte Kind Karies, die bereits das Dentin erreicht. Schlimmer noch: Bei diesen Kindern sind durchschnittlich fast vier Milchzähne von Karies betroffen (1). Ganz offensichtlich greifen die für das bleibende Gebiss bewährten Prophylaxemaßnahmen im Milchgebiss nicht in gleichem Maße.

Die Ursachen hierfür mögen vielschichtig sein. So beginnt die zahnmedizinische Betreuung oft erst spät und wird zudem häufig nicht konsequent genug durchgeführt. Mithilfe verschiedener neuer gesetzlicher und zahnmedizinischer Maßnahmen soll sich das ändern.

Gute Grundlagen geschaffen

Mit dem Präventionsgesetz hat der Gesetzgeber vor etwa zwei Jahren die Grundlage dafür geschaffen, dass Kinderärzte Kleinkinder ab der Routineuntersuchung „U5“ im 6. oder 7. Lebensmonat zum Zahnarzt schicken können. Durch ein entsprechendes Ankreuzfeld im „U-Heft“ ist der Verweis einfach umsetzbar. Bis zum Alter von drei Jahren können zwei weitere Früherkennungsuntersuchungen beim Zahnarzt erfolgen – mit oder ohne Verweis des Kinderarztes.

Für den zahnärztlichen Praxisalltag bedeutet das: Ab der „U5“ kommen Eltern mit Kindern in die Praxis, die noch nicht laufen können und erst wenige Zähne haben. Diese Eltern dürfen keinesfalls ohne zahnmedizinische Beratung wieder nach Hause geschickt werden. Die Zahnärzte müssen zudem einen Blick auf die Oberkiefer-Frontzähne der Kleinkinder werfen. Dabei lässt sich erkennen, ob die Zähne stark von Plaque bedeckt sind. Bei etwas älteren Kleinkindern, die eine genauere Inspektion zulassen, sollen die Zähne bezüglich Initialkaries oder besonders die Milchmolaren auf manifeste Karies untersucht werden.

Neue Empfehlung zur Fluoridkonzentration in Kinderzahnpasten

Beim ersten Besuch sollen die Eltern auch Informationen zur Zahnpflege ab dem ersten Milchzahn bekommen und das Zähneputzen bei ihren Kindern trainieren. Generell soll eine fluoridhaltige Kinderzahnpasta verwendet werden. Seit 2018 gibt es dafür neue zahnärztliche Empfehlungen (2): Es sollte zweimal täglich eine reiskorngroße Menge Kinderzahnpasta mit 1000 ppm Fluorid verwendet werden. 

Die Empfehlung resultiert aus der derzeit unbefriedigenden Zahngesundheit bei Kleinkindern. Zudem ist man internationalen Erfahrungen mit analogen Empfehlungen gefolgt. So spricht sich etwa die Leitlinie der Europäischen Akademie für Kinderzahnheilkunde EAPD für Zahnpasten in größerer Menge und/oder mit mindestens 1000 ppm Fluorid aus (3). Der Schottische Leitfaden empfiehlt sogar einen Mindestgehalt von 1000 ppm in Zahnpasten für Kleinkinder bis zum Alter von drei Jahren, der bei erhöhtem Kariesrisiko auch überschritten werden sollte (4). In vielen Ländern sind ausschließlich Zahnpasten mit mindestens 1000 ppm Fluorid erhältlich. Die Erfahrungen in diesen Ländern zeigen, dass diese Fluoridkonzentrationen nicht vermehrt zu deutlich erkennbaren Schmelzfluorosen führen. Schließlich wurden die Empfehlungen auch angepasst, weil die Karieshemmung mittels Zahnpasten mit weniger als 1000 ppm Fluorid im Milchgebiss nicht immer ausreicht (5).

Zur Ernährung beraten

Auch zur Ernährung sollten die Eltern bei der zahnärztlichen Konsultation beraten werden. Wichtig ist, auf eine Ernährung mit wenig Zucker und wenigen Zuckerimpulsen zu drängen. Vor allem müssen die Eltern wissen, dass die Saugerflasche spätestens ab einem Kindesalter von 12 Monaten nicht mehr verwendet werden soll. Falls den Eltern die Umsetzbarkeit schwierig erscheint, können sie ihrem Kind mit der Saugerflasche Wasser geben.

Ein weiteres Thema ist das Stillen. In jedem Fall sollte es angesprochen werden, wenn bereits eine (Initial-)Karies vorliegt. Hierbei ist darauf zu achten, dass das Stillen dennoch gewürdigt wird, denn es ist die natürlichste und sicherste Ernährung von Babys. Häufig stillen die Mütter ab, wenn die Kinder ihre ersten Zähne bekommen. Einige Mütter stillen jedoch deutlich länger. Sofern die Eltern die Zähne ihres Kindes regelmäßig und sorgfältig putzen, entsteht durch das verlängerte Stillen nicht zwangsläufig eine Kariesgefahr für das Kind. Dies trifft jedoch nicht generell zu, und im statistischen Mittel steigt das Kariesrisiko spätestens dann signifikant, wenn das Kind länger als ein Jahr gestillt wird (6).

Gruppenprophylaxe ergänzt Individualprophylaxe

Neben der individual-zahnmedizinischen Betreuung in den Praxen erweitert die Gruppenprophylaxe in den Kitas die  Präventionsmaßnahmen. Denn immer mehr Kleinkinder kommen in die Kita. Derzeit ist etwa ein Drittel der 1- und 2-jährigen Kinder in Kinderkrippen angemeldet (7). Sowohl Individualprophylaxe als auch Gruppenprophylaxe gewinnen an Bedeutung. Wichtig ist dabei, dass alle beteiligten zahnmedizinischen Institutionen die gleichen Botschaften transportieren.

Zur Individualprophylaxe ist kürzlich beschlossen worden, Maßnahmen der  Zahnschmelzhärtung in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen (8). Hierbei geht es um das Auftragen von Fluoridlacken auf Initialläsionen oder Gebissareale mit erhöhtem lokalem Kariesrisiko. Damit wurde eine weitere mit hoher wissenschaftlicher Evidenz belegte Maßnahme (9) in den Versorgungsalltag eingeführt. Aus zahnmedizinischer Sicht ist zu unterstreichen, dass die Fluoridlack-Applikation bei vorliegender Indikation gezielt auf Risikozähne erfolgen sollte.

Kariesrückgang zu erwarten

Bei umfassender Umsetzung der neuen Möglichkeiten der Kariesprävention im Milchgebiss ab dem ersten Zahn ist ein erkennbarer Kariesrückgang zu erwarten. Damit verbunden ist ein entsprechender Gesundheitsgewinn für die Kinder, der auch die Lebensqualität der gesamten Familien positiv verändern kann. Es ist an den Zahnärztinnen und Zahnärzten, ihren Teil hierzu beizutragen.

Prof. Ulrich Schiffner, Universität Hamburg

Literatur

  1. TEAM DAJ (Basner R, Santamaria RM, Schmoeckel J, Schüler E, Splieth ChH): Epidemiologische Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe 2016. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege e.V. (DAJ). Bonn 2017. https://www.daj.de/fileadmin/user_upload/PDF_Downloads/Epi_2016/Epi_final_BB1801_final.pdf
  2. Schiffner U (2018): Neue Empfehlung Fluorid-Kinderzahnpasten. Oralprophylaxe Kinderzahnheilk 40: 161
  3. European Academy of Paediatric Dentistry EAPD (2009): Guidelines on the use of fluoride in children: an EAPD policy document. Eur Arch Paediatr Dent 10:129-135
  4. Scottish Dental Clinical Effectiveness Programme : Prevention and Management of Dental Caries in Children. 2nd, Dundee 2018. http://www.sdcep.org.uk/wp-content/uploads/2018/05/SDCEP-Prevention-and-Management-of-Dental-Caries-in-Children-2nd-Edition.pdf
  5. Walsh  T, Worthington  HV, Glenny  AM, Appelbe  P, Marinho  VCC, Shi  X: Fluoride toothpastes of different concentrations for preventing dental caries in children and adolescents. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 1. Art. No.: CD007868
  6. Tham R, Bowatte G, Dharmage SC, Tan DJ, Lau MX, Dai X, Allen KJ, Lodge CJ (2015): Breastfeeding and the risk of dental caries: a systematic review and meta-analysis. Acta Paediatr 104:62-84.
  7. Destatis, Statistisches Bundesamt (2018): 33,6 % der unter 3-Jährigen am 1. März 2018 in Kindertagesbetreuung. Pressemitteilung. https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2018/10/PD18_401_225.html;jsessionid=14B56CF7BA7B92368D0DD7BF52141027.InternetLive2
  8. Bundeszahnärztekammer (2019): Zahnärztliche Vorsorge für die Kleinsten wird endlich möglich. Pressemitteilung. https://www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/pm19/190117_FU.pdf
  9. Marinho VC, Worthington HV, Walsh T, Clarkson JE: Fluoride varnishes for preventing dental caries in children and adolescents. Cochrane Database Syst Rev. 2013: CD002279