Die Gesellschaft altert. Ein professioneller Umgang mit Patientinnen und Patienten mit körperlichen Einschränkungen beginnt mit Wahrnehmung und Respekt. Zudem schaffen schon kleine Anpassungen im Praxisalltag Vertrauen und Sicherheit – patientenzentrierte Zahnmedizin bedeutet, individuelle Lösungen zu finden. Mehr Sensibilität fördert auch das Miteinander im Team.
Aufgrund des demografischen Wandels ist die zahnärztliche Versorgung von Menschen mit körperlichen Einschränkungen schon lange kein Randthema mehr (1). So begegnen auch jüngere Zahnärztinnen, Zahnärzte und Praxisteams häufiger älteren, multimorbiden Patientinnen und Patienten. Einschränkungen des Sehens, Hörens oder der Mobilität sind dabei keine Ausnahme, sondern zunehmend die Regel. Entsprechend steigt die Kontaktfrequenz mit dieser Patientengruppe, und damit auch die Verantwortung, Behandlungsabläufe, Kommunikation und Therapieentscheidungen an veränderte Bedürfnisse anzupassen (2). Für Menschen, die diese Einschränkungen an sich selbst nicht erleben, kann dies eine professionelle Herausforderung sein.
Patientenzentrierte Zahnmedizin: kleine Veränderung, große Wirkung
Doch es gibt Strategien, wie sich gut mit körperlich beeinträchtigten Menschen umgehen lässt (3). Diese eröffnen nebenbei dem gesamten Praxisteam neue Perspektiven und stärken den Teamspirit sowie ethischen Zusammenhalt. Dabei gilt es, zunächst den eigenen Blick zu weiten: körperliche Einschränkungen bewusst wahrzunehmen, empathisch damit umzugehen und Prozesse flexibel zu gestalten (4). Das sind zentrale Elemente patientenzentrierter Zahnmedizin.
Einschränkungen der Sinneswahrnehmung beispielsweise sind im Praxisalltag oft schwer erkennbar. Während motorische Beeinträchtigungen offensichtlich sind, bleiben Seh- und Hörminderungen häufig unentdeckt. Gerade diese beiden Sinne sind jedoch für Kommunikation, Orientierung und das Verständnis medizinischer Inhalte von zentraler Bedeutung.
Wenn das Sehen schlechter wird: Sicherheit durch Unterstützung
Mit zunehmendem Alter kommt es zu physiologischen Veränderungen des Sehvermögens, etwa durch Presbyopie. Es häufen sich aber auch altersassoziierte Augenerkrankungen wie Katarakt, Glaukom, altersbedingte Makuladegeneration und diabetische Retinopathie. Die Betroffenen sehen verschwommen oder kontrastarm oder es kommt zu Gesichtsfeldausfällen. In der zahnärztlichen Praxis tun sich die Betroffenen dann schwer damit, Anamnesebögen, Behandlungsverträge oder Aufklärungsunterlagen in Normalschrift auszufüllen. Die visuelle Überforderung drückt sich oft in unvollständig ausgefüllten Dokumenten aus.
Ein respektvoller Umgang beginnt damit, die Situation zu erkennen und aktiv zu unterstützen: etwa beim Ausfüllen von Unterlagen, mit Dokumenten in größerer Schrift oder vergrößernden Sehhilfen. Das erhöht deutlich das Sicherheitsgefühl der Patienten. Ebenso sollte bei bekannter Augenerkrankung darauf geachtet werden, dass Untersuchungslampen nicht unnötig blenden.
Gute Verständigung trotz Hörminderung
Auch der Hörsinn verändert sich im Alter. Die sogenannte Presbyakusis betrifft vor allem das Sprachverstehen und das Hören in geräuschvoller Umgebung. Viele ältere Menschen sind trotz Indikation nicht mit Hörgeräten versorgt oder tragen diese nicht konsequent. Gründe hierfür sind unter anderem unangenehme Hörempfindungen, Druckstellen oder psychosoziale Faktoren.
In der Zahnarztpraxis führt eine Hörminderung häufig dazu, dass wichtige Informationen nicht oder nur unvollständig wahrgenommen werden. Namensaufrufe aus dem Wartezimmer, Erklärungen während der Behandlung oder organisatorische Hinweise können leicht missverstanden werden. Betroffene scheuen sich oft, mehrfach nachzufragen, und signalisieren Zustimmung, ohne den Inhalt vollständig erfasst zu haben.
Eine klare, ruhige und zugewandte Kommunikation kann in dieser Situation entscheidend sein (5). Blickkontakt, eine deutliche Artikulation ohne übertriebene Lautstärke, die Reduktion von Hintergrundgeräuschen sowie kurze Zusammenfassungen am Ende eines Gesprächs erleichtern das Verstehen komplexer Inhalte deutlich (6). Der persönliche Kontakt, etwa beim Abholen aus dem Wartezimmer, ist dabei häufig wirksamer als rein akustische Signale.
Behandlung an körperliche Ressourcen anpassen
Neben Sinneseinschränkungen beeinflussen auch altersbedingte körperliche Veränderungen die zahnärztliche Versorgung. Veränderungen der Wirbelsäule, reduzierte Muskelkraft oder neurologische Einschränkungen können dazu führen, dass bestimmte Lagerungen, lange Behandlungszeiten oder häufige Praxisbesuche die Betroffenen erheblich belasten.
Hier bedeutet ein sensibler Umgang, die Behandlungsstrategie anzupassen. Individuelle Lagerungshilfen oder eine bewusste Begrenzung der Behandlungsdauer können den Praxisbesuch deutlich angenehmer machen. Ziel ist nicht, die therapeutischen Möglichkeiten maximal auszunutzen, sondern die Patienten passend zu ihren körperlichen Ressourcen zu versorgen.
Therapie nach Lebensrealität statt nach Schema
Therapieentscheidungen wurden lange Zeit vorwiegend paternalistisch getroffen. Gerade ältere Patientinnen und Patienten sind diese Form der Interaktion eher gewohnt und empfinden sie zunächst als entlastend. Problematisch wird dieses Modell jedoch dann, wenn individuelle Lebensumstände, körperliche Belastungen oder persönliche Prioritäten unzureichend berücksichtigt werden (7).
Patientenzentrierte Zahnmedizin bedeutet, medizinische Möglichkeiten gemeinsam zu besprechen und Entscheidungen nicht ausschließlich an Leitlinien oder Maximaltherapien auszurichten. Für manche Patientinnen und Patienten stehen Beschwerdefreiheit, Funktionalität und Lebensqualität klar im Vordergrund, auch wenn dies bedeutet, auf eine invasive oder aufwendige Behandlung zu verzichten (8).
Die Sensibilisierung und Schulung des Praxisteams im Umgang mit der schnell wachsenden Gruppe von Menschen mit speziellen Bedürfnissen sind nicht nur eine Anpassung an den demografischen Wandel, sondern gleichzeitig auch die Chance, im Team gemeinsam zu wachsen und auch untereinander einen respektvollen und sensiblen Umgang zu pflegen. So wird jeder und jedem schnell bewusst, dass Generationenkommunikation nicht ausschließlich im beruflichen Umfeld, sondern auch im täglichen Leben stattfindet (9).
PD Dr. Michael J. Wicht, Uniklinik Köln
Literatur
- Pötzsch O, Rößger F. Bevölkerung Deutschlands bis 2060. 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt 2015;66.
- McKenzie-Green B, Giddings LS, Buttle L, Tahana K. Older peoples‘ perceptions of oral health: ‚it’s just not that simple‘. Int J Dent Hyg 2009;7:31-38.
- Stein PS, Aalboe JA, Savage MW, Scott AM. Strategies for communicating with older dental patients. The Journal of the American Dental Association 2014;145:159-164.
- Barbe AG, Noack MJ. „Life begins and ends with porridge“-The need for an Oral Transition Phase of Aging. Spec Care Dentist 2021;41:650-651.
- Khabra K, Compton S, Keenan L. Independent older adults perspectives on oral health. International Journal of Dental Hygiene 2017;15:295-305.
- Robertson K. Active listening: more than just paying attention. Australian family physician 2005;34.
- Maizes V, Rakel D, Niemiec C. Integrative medicine and patient-centered care. Explore (NY) 2009;5:277-289.
- Wicht M, Noack MJ. Partizipative Entscheidungsfindung und Mundgesundheitskompetenz. ZahnMeDiZin Gesellschaft 2017;21:44.
- Beauchamp TL, Childress JF. Principles of biomedical ethics: Oxford University Press, USA, 2001.







