Bei der Kariesdiagnostik kommt es darauf an, Läsionen sowohl zu erkennen als auch ihre Aktivität zu beurteilen. Internationale Fachgesellschaften bündeln praxistaugliche Empfehlungen – und berücksichtigen auch Aspekte, die in der klinischen Praxis zu kurz kommen.
Im vergangenen Jahr haben die Weltorganisation für Kariesforschung (ORCA) und der Europäische Dachverband für Konservierende Zahnheilkunde (EFCD) ihre Empfehlungen zur klinischen Kariesdiagnostik konsentiert. Sie fokussieren darauf, mit verschiedenen diagnostischen Verfahren kariöse Läsionen zu detektieren (1), deren Aktivität abzuschätzen (2) und eine individuelle Kariesdiagnose zu erstellen (3). Ebenso haben die beiden Organisationen evidenzbasierte Empfehlungen zum adäquaten Kariesmanagement speziell für Kinder, Erwachsene und Senioren vorgelegt (4-6).
Einschätzung der Kariesaktivität bedeutsam
Nach wie vor ist die visuelle klinische Untersuchung erste Wahl bei Detektion und Graduierung von kariösen Läsionen. Gerade für Approximalkaries eignen sich Bissflügelröngtenaufnahmen als indikationsabhängige Zusatzmaßnahme. Hingegen ist der zusätzliche Nutzen anderer nicht-ionisierender Untersuchungsmethoden nur sehr eingeschränkt wissenschaftlich belegt (1).
Besondere Bedeutung kommt der nachfolgenden Beurteilung und Dokumentation der Aktivität von kariösen Läsionen zu, denn davon hängt die Therapie maßgeblich ab (2). Plaque und Gingivitis sowie eine matte, opake, kreidig-weiße Oberfläche deuten auf eine hohe Aktivität hin. Fehlen Plaque und Gingivitis und ist die Oberfläche selbst bei Kavitäten im Dentin glänzend und teilweise dunkel-verfärbt, spricht das eher für eine inaktive Läsion (Abb. 1).

Abb. 1 Inaktive, dunkle Läsionen ohne Plaque, Gingivitis, Fistelung und Abszedierung (links) bedingen keine dringende Therapie. Aktive und progrediente Läsionen verlangen dagegen therapeutische Interventionen und ein enges Recall (rechts, Fotos: C. Splieth)
Was bisher zu kurz kommt
Zugleich fließen die allgemein- und zahnmedizinische Diagnose, die bisherige Karieserfahrung, der Plaqueindex, die Ernährungs- und Fluoridanamnese sowie vor allem bei Senioren und chronisch Kranken Speicheluntersuchungen in die Empfehlungen für eine individuelle Kariesdiagnose ein (3). Diese betonen auch Aspekte, die in der klinischen Praxis bisher zu kurz kommen. Zum Beispiel:
- Die dentale Plaque sollte vor der Kariesdiagnostik abgeschätzt werden. Nach ihrer Entfernung lassen sich dann die gereinigten Zahnoberflächen besser untersuchen. So kann die Kariesaktivität valider beurteilt werden.
- Bei Patienten mit aktiven und fortschreitenden kariösen Läsionen oder Bedingungen, die eine Plaqueentfernung erschweren wie kieferorthopädische Apparaturen, sollten die dentalen Plaquebefunde auch dokumentiert werden, um die Entwicklung der Mundhygiene zu verfolgen.
- Bei Patienten mit aktiven und fortschreitenden kariösen Läsionen sollte zudem erfragt und dokumentiert werden, wie regelmäßig und in welcher Konzentration sie fluoridhaltige Zahnpaste und andere Fluoridierungsmaßnahmen nutzen. Dies gilt besonders für Kinder: In Deutschland nutzt fast jedes vierte Kind fluoridfreie Zahnpasten, die Dosierung fluoridhaltiger Zahnpaste wird oft nicht eingehalten und der Übergang zur vollfuoridierten Zahnpaste mit dem 6. Geburtstag wird häufig versäumt (Abb. 2).
- Patienten mit Allgemeinerkrankungen und speichelreduzierenden Medikationen sowie Senioren sollten regelmäßig zur Mundtrockenheit befragt und/oder mit dem Clinical Oral Dryness Score kategorisiert werden.
- Bei Patienten mit aktiver oder fortschreitender Karies sollte die Speichelfließrate gemessen und dokumentiert werden, wenn die Krankheitsstärke nicht durch andere Ursachen erklärbar ist oder Anzeichen für Mundtrockenheit bestehen.

Abb. 2 Das zahnärztliche Team sollte darauf achten, dass Kinder 1000 ppm Fluoridzahnpaste einsetzen und in der richtigen Menge: vom ersten Milchzahn an bis zum 2. Geburtstag ein reiskorngroßes Stück (links), für 2-5 Jahre erbsengroß (rechts). (Fotos: Netzwerk „Gesund ins Leben“)
Fazit
Um geeignete, evidenzbasierte therapeutische Maßnahmen für kariöse Läsionen auszuwählen, braucht es vorher eine verlässliche Detektion, eine Abschätzung der aktuellen Kariesaktivität und eine individuelle Kariesdiagnose für die einzelne Läsion und für die Gesamtperson. Das zahnärztliche Team sollte die dafür notwendigen Parameter strukturiert und routinemäßig anhand von internationalen Standards erheben und dokumentieren. Dies sichert die Therapiewahl auch forensisch und kassenrechtlich ab.
Prof. Christian. H. Splieth, Universität Greifswald
Literatur
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